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26.05.06
Erwachsen werden
Heute ist auf Spiegel Online von einem interessanten Kontrast zu lesen: Bei Kindern setzt die Geschlechtsreife immer früher ein. Laut dem Sexualwissenschaftler Norbert Kluge hatten Mädchen 1860 im Durchschnitt ihre erste Periode mit 16,6 Jahren, 1950 mit 13,1 Jahren und 1994 mit 12,2 Jahren. Für 2010 erwartet er den Durchschnitt im Bereich zwischen dem 10. und 11. Lebensjahr. Bei den Jungs ist die Entwicklung ähnlich: Geschah der erste Samenergusses 1980 noch im Durchschnitt im Alter von 14,2 Jahren, war es 1994 schon im Alter von 12,6 Jahren.
Auf der anderen Seite bleiben Studenten immer länger von der finanziellen Unterstützung ihrer Eltern abhängig. 2003 erhielten 90% der Studenten im Durchschnitt €435,- von ihren Eltern; 1967/68 waren es bei einem Drittel noch weniger als DM 100,-. Was im Artikel nicht so gut ausgearbeitet wird, ist die Dauer der Ausbildung: Nach meiner (subjektiven) Einschätzung dauert die Ausbildung bei der Mehrheit heute bis zum Alter von 27-30 Jahren, früher war es nur eine Minderheit, die studiert hat. In unserer Elterngeneration waren im Alter von 18-20 Jahren die allermeisten wohl schon berufstätig und finanziell selbstständig. Um 1860 herum lag das Alter der ersten Erwerbstätigkeit sicher deutlich niedriger; damals war eine längere Ausbildung für die meisten Familien denke ich unerschwinglich.
Interessanterweise hat sich am durchschnittlichen Heiratsalter in Deutschland gar nicht so viel verändert, wie ich gedacht hätte: Laut einer Untersuchung für Stuttgart-Feuerbach lag das durchschnittliche Erstheiratsalter für Frauen im Zeitraum von 1760 bis 1913 je nach Regierung zwischen 24 und 27 Jahren. Im 20. Jahrhundert war der Durchschnitt in Deutschland etwas niedriger (trotz oder wegen der Weltkriege?), in den letzten zwanzig Jahren ist er dann deutlich angestiegen, auf mittlerweile 29 Jahre. Es war also in den letzten zwei Jahrhunderten in Deutschland normal (wenn auch aus unterschiedlichsten Gründen), dass der Beginn der Geschlechtsreife und die erste Eheschließung einige Jahre auseinander liegen. Wäre interessant zu wissen, wie das im Mittelalter und davor und in anderen Kulturkreisen war.
Sowohl frühere Geschlechtsreife als auch spätere finanzielle Eigenständigkeit verdanken wir übrigens laut den oben zitierten Artikeln dem größeren Wohlstand, der uns einerseits bessere Ernährung (und damit schnellere körperliche Entwicklung) und andererseits finanzielle Versorgung während der Ausbildung beschert hat. Soviel zu den Zahlen.
Was für ein Gegensatz: Vor hundert Jahren haben Kinder und Jugendliche schon früh Erfahrungen mit dem Arbeitsleben gemacht. Zu dem Zeitpunkt als die Geschlechtsreife einsetzte, hatten sie schon gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Heute ist dieser Zusammenhang aufgelöst: Die Entwicklung des Körpers ist der des Charakters und der Persönlichkeit weit voraus. Kein Wunder, dass sich der Umgang mit Sexualität in der Zwischenzeit grundlegend verändert hat. Ob man diese Entwicklungen nun positiv oder negativ bewertet; stellen muss man sich ihnen in jedem Fall. Sicher gab es auch schon früher Kinder, die ihre Sexualität ausgelebt haben, aber die Ausübung der Sexualität war eigentlich eine Sache der Erwachsenen – durchaus passend, wie ich finde, nicht nur wegen möglicher Schwangerschaften, sondern der generell bei sexuellen Beziehungen nötigen Verantwortung und persönlichen Reife. Wenn nun körperliche und geistige Reife nicht mehr einher gehen, müsste man auch mal darüber nachdenken, wie man „Erwachsensein“ eigentlich definiert.
Warum habe ich das nun unter „Glaube“ eingeordnet? Aus verschiedensten Gründen hat der christliche Glaube auch einiges dazu zu sagen, wie Sexualität gelebt wird. Angesichts dieser Entwicklungen reicht es aber nicht, moralische Wertmaßstäbe „auf der grünen Wiese“ zu propagieren, als ob sich nichts geändert hätte. Da sich die Wertigkeit und Wahrnehmung der Sexualität in der Gesellschaft grundsätzlich geändert hat, wird christliche Kritik im Umfeld der Sexualität auf Kritik an der konkreten Sexualpraxis oder auf Ablehnung der Sexualität insgesamt reduziert. Von außen ist die Wahrnehmung wohl, dass der moralische Anspruch der Kirche sich also lediglich darauf zu beschränken scheint, den Menschen vorzuschreiben, wie, wann und mit wem sie schlafen dürfen und ihen so den Spaß am Sex zu verderben.
Das ist schade. Denn Sex ist mehr als nur Privatvergnügen – wie wir mit unserer Sexualität umgehen, prägt unsere Gesellschaft. Wenn wir von „Sexualmoral“ reden, sollte es nicht darum gehen, welche Stellungen „erlaubt“ sind, sondern beispielsweise darum, dass Sexualität Grenzen hat und nicht dazu führen darf, dass andere Menschen körperlich und emotional mißbraucht werden. Schade, dass die Kommunikation der Kirche sich so von den gesellschaftlichen Zusammenhängen verabschiedet hat, dass sie nun als Lustkiller angesehen wird. Denn unbiblisch ist die Lust am Sex sicher nicht, im Gegenteil.
Ich wünsche mir eine Kirche, die selbstbewusst dieser Generation Freude am Sex und gleichzeitig verantwortlichen Umgang damit vermittelt. Wie das gehen kann, weiß ich auch nicht – aber ich bin bereit, dazuzulernen.
(Habe eine kleine Formulierungsänderung vorgenommen, um Missverständnisse zu vermeiden.)
Verfasst von crenz um 26.05.06 08:26
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Kommentare
frühere biologische entwicklung vs. späterer einstieg in die arbeitswelt...ein sache, die sich in der identität des einzelnen und damit logischerweise in der identität der gesellschaft niederschlägt. ich habe für meine zula ein buch gelesen, in dem predigten der letzten 150 jahre untersucht wurden. nach dem 2. weltkrieg z.b. war die schuld/sündenfrage am häufigsten in den predigten vorhanden. in den letzten zwanzig jahren wurde der schuldbegriff aber so verändert und entwertet, dass die predigen von damals kaum mehr wirkung zeigen würden. das dominierende predigtthema der letzten zwei jahrzehnte ist - und nun schließt sich der kreis in diesem comment - die identität des einzelnen. spannendes thema...vielleicht sollte man eine runde soziologie studieren;-)
Verfasst von: tilman um 26.05.06 16:36
Das Buch würde mich mal interessieren! Das Thema ist wirklich spannend; wir sind oft so überzeugt davon, dass wir die reine, allgemeingültige Lehre verbreiten und merken gar nicht, wie sehr wir doch unserer Kultur verhaftet sind. Es ist völlig normal, von der gegenwärtigen Kultur geprägt zu sein, schlimm ist nur, wenn man's gar nicht merkt...
Verfasst von: Christian um 29.05.06 08:58
Interessant, dass Dir offenbar in der Gemeinde gesagt wird, wie und wann Du Sex haben sollst. Das ist mir noch nicht begegnet.
27-30 Jahre scheint mir übrigens hochgegriffen für den Abschluss der Ausbildung bei der "Mehrheit". Du und ich waren zwar jeweils 28, als die volle Berufstätigkeit anfing (und wir hatten schon vorher Erfahrung des Arbeitslebens!), aber wir sind doch wohl eher am oberen als am unteren Ende anzusiedeln, oder?
Verfasst von: Thomas um 01.06.06 11:10
Hmm... das war wohl ein Missverständnis. Gemeint war nicht, was mir in der Gemeinde gesagt wird, sondern was nicht-Kirchenaktive denken, was der Kirche zum Thema Sexualität wichtig ist. Was das mittlere Alter bei Anfang der Berufstätigkeit angeht, hast du wohl allerdings recht. Es ist zwar sicher hochgegangen (da der Anteil z.B. der Abiturienten auch mittlerweile recht hoch ist), aber liegt sicher nicht ganz so hoch wie von mir vermutet. Typisch dem eigenen Kulturkreis verhaftet :-).
Verfasst von: Christian um 20.06.06 10:33

